Wer versöhnt ist, stirbt leichter

Interview der Saarbrücker Zeitung mit der katholischen Seelsorgerin und dem evangelischen Seelsorger

Maria Lauer-Ruhl und Gerd Steinkamp. Foto: Bohnenberger

04.04.2018

Zu Ostern 2016 hat die Saarbrücker Zeitung das Thema der seelsorgerlichen Begleitung im stationären Hospiz Emmaus aufgegriffen. Die Themen Glaube, Ängste, Hoffnung, Auferstehung wurden aus der Sicht der Seelsorge anschaulich dargestellt.

 

Artikel der Saarbrücker Zeitung vom 22.03.2016

 

 

„Wer versöhnt ist, stirbt leichter“

Zwei Hospiz-Seelsorger über die Angst vor dem Tod und welche Rolle der Glaube dabei spielt

Maria Lauer-Ruhl, katholische Pastoralreferentin, und Gerhard Steinkamp, evangelischer Diakon, arbeiten als Seelsorger am Hospiz Emmaus in St. Wendel. Mit SZ-Redakteurin Nora Ernst sprachen sie darüber, was Sterbende am meisten bereuen und was der Tod mit dem ersten Kuss zu tun hat.

An Ostern feiern Gläubige die Auferstehung Jesu Christi. Ostern symbolisiert, dass der Tod nicht das Ende ist, dass danach noch etwas kommt. Gibt das den Menschen im Hospiz Hoffnung?

Steinkamp: Auf jeden Fall. Wer damit etwas anfangen kann, dem gibt Ostern Hoffnung. Aber es ist ein Bereich, den wir nicht kennen. Oft werde ich gefragt, wie ich das sehe. Wissen tue ich es nicht. Sterben tut man nur einmal. Irgendwann muss jeder diesen Schritt gehen, und da gehört auch Angst dazu. Ich vergleiche das oft mit dem ersten Kuss, den muss man auch erst wagen. Ich glaube, dass da noch etwas Gutes kommt. Wir haben eine ständige Sehnsucht in uns, nach Geborgenheit und Liebe. Manchmal erfüllt sie sich. Das sind die Momente, in denen wir glücklich sind. Ich glaube, vollendet wird diese Sehnsucht, wenn wir von hier fortgehen und unseren Körper verlassen. Manche sind fest davon überzeugt, manche zweifeln.

Lauer-Ruhl: Für Menschen die im christlichen Glauben verankert sind, hat Ostern eine große Bedeutung. Es erinnert sie an die christliche Zusage, dass der Tod nicht nur das Ende ist, sondern der Anfang eines neuen Lebens bei Gott, eines Lebens ohne Schmerzen, Leid und Tränen. Aber wir haben zunehmend Menschen im Hospiz, die nicht gläubig sind. Doch auch sie scheinen sich ihren Himmel zu schaffen. Das merken wir daran, dass sie uns von ihren Sehnsüchten, Wünschen und Hoffnungen erzählen, und in seltenen Fällen, wenn sie sich kurz vor dem Sterben noch ausdrücken können, sprechen sie von schönen Bildern und Träumen, die sie an der Schwelle von Leben und Tod sehen. Ich habe es noch nicht erlebt, dass ein negatives Bild dabei war. Diese Hoffnung, dass es gut wird, die ist bei allen da.

Macht der Glaube das Sterben leichter?

Steinkamp: Wenn man stirbt, muss man alles loslassen, nicht nur das Auto, die Familie – man gibt alles weg, irgendwann auch das Atmen. Ich glaube, das ist ein sehr schwerer Prozess. Für Menschen, die ihr Leben immer im Griff hatten, immer alles bestimmt haben, ist es umso schwerer, weil sie so viel loslassen müssen. Trotzdem können sie sich nur noch fallen lassen. Wenn sie dann in Gottes Hand fallen, hat das eine andere Dimension als wenn sie ins totale Nichts fallen.

Lauer-Ruhl: Ich könnte nicht sagen, dass diejenigen, die glauben, leichter sterben. Es kommt eher darauf an, wie versöhnt und in Frieden der Mensch mit sich und seinem Leben ist, und wie sehr er das Gefühl hat, die für ihn richtigen Schwerpunkte im Leben gesetzt zu haben, so gelebt zu haben, wie es seinen eigenen Vorstellungen entsprochen hat.

Steinkamp: Manche haben auch die Vorstellung, dass sie in der Hölle schmoren. Diese Idee vom strafenden Gott ist leider von der Kirche gefördert worden. Ich versuche den Menschen dann zu vermitteln, dass es ein liebender Gott ist, kein strafender. Ich bin fest davon überzeugt, wenn jemand seinen Körper verlässt, geht es ihm gut. Allerdings kann vorher sein Lebensfilm ablaufen, und wenn jemand immer egoistisch gelebt und vielen Menschen Leid zugefügt hat, wird er in dem Moment erkennen, was gut war und was nicht. Das können schon Höllenqualen sein, zu erkennen, ich habe es in den Sand gesetzt und kann es nicht wiedergutmachen.

Was können Sie tun, um solche Ängste zu lindern?

Steinkamp: Es gibt ganz selten jemanden, der bis zuletzt große Ängste hat. Die Geborgenheit, die hier im Hospiz vermittelt wird, nimmt viel Furcht weg. Manche Menschen haben Angst, weil sie vielleicht erlebt haben, wie die Oma schreiend vor Schmerzen gestorben ist. Hier im Hospiz geht es darum, dass jemand würdig gehen darf. Wenn die Schmerzen oder die Angst zu groß werden, können lindernde Medikamente verabreicht werden. Das gibt Ruhe, zu wissen: Darum muss ich mir keine Sorgen machen.

Kommt es vor, dass Menschen angesichts des Todes zum Glauben zurückfinden?

Lauer-Ruhl: Man weiß ja nicht, was sich im letzten Moment des Lebens abspielt, aber ich habe es noch nicht erlebt, dass jemand zum Glauben zurückgekehrt ist. Die Menschen sterben in der Haltung, in der sie gelebt haben.

Was bereuen die Menschen am meisten, wenn der Tod naht?

Lauer-Ruhl: Was viele glücklich gemacht hat, sind Reisen und Unternehmungen mit der Familie, dem Partner, mit Freunden. Manchmal geht es schnell mit dem Sterben, dann bereuen die Menschen, dass sie sich nicht mehr Zeit füreinander und für all das, was ihnen im Leben wichtig war, genommen haben.

Steinkamp: Ich empfinde es nicht so, dass das Bereuen im Vordergrund steht. Es geht eher darum, zu sehen, was ist, auch welche schweren Momente es im Leben gab. Eine Schwester erzählte mir von einer 84 Jahre alten Dame, die vier Wochen im Hospiz gelebt hat. Als sie merkte, dass es dem Ende zugeht, sagte sie, ,Es war schön, jetzt habe ich vier Wochen gelebt.' 84 Jahre lang hatte sie immer nur funktioniert und getan, was andere wollten. Und in diesen vier Wochen durfte sie so sein wie sie war, in Gemeinschaft mit den Menschen um sie herum das Leben ergreifen. Das ist etwas Großartiges, weil dann wirkliches Leben stattfindet – Lebenslust.

Lauer-Ruhl: Wenn Dinge bereut werden, die man noch ändern kann, dann versuchen wir zu helfen. Wenn sich zum Beispiel jemand mit einem Verwandten oder Freund versöhnen will, helfen wir, den Kontakt herzustellen. Hin und wieder gelingt das auch, und das lässt die Menschen ruhiger und gelassener werden.

Früher war der Tod im alltäglichen Leben präsenter. Krankheiten verliefen häufiger tödlich, alte Menschen starben zuhause im Kreis ihrer Familie. Wird der Tod heute verdrängt?

Lauer-Ruhl: Ja, in den vergangenen Jahrzehnten wurde der Tod in Krankenhäuser und Friedhofshallen ausgelagert und tabuisiert. Aber ich meine, eine Tendenz wahrzunehmen, dass die Auseinandersetzung mit Tod und Sterben wieder mehr Gewicht bekommt.

Steinkamp: Ein Indikator ist auch, wie wir mit Trauer umgehen. Wenn heute jemand zuhause stirbt, wird er schnell aus dem Haus gebracht. Früher hat man den Toten aufgebahrt und am Totenbett um ihn getrauert. Ich wurde als Kind immer ferngehalten vom Tod. Es hieß dann, ,Nein, du darfst den Opa nicht sehen, er sieht nicht mehr schön aus'. Dabei können Kinder ganz natürlich damit umgehen, wenn sie es von Klein auf lernen. Dann ist es ganz natürlich, dass jemand gehen muss und dass das auch weh tut.

Hintergrund

Das stationäre Hospiz Emmaus in St. Wendel nimmt Schwerstkranke im fortgeschrittenen Stadium auf. Ihre Symptome werden palliativ, also lindernd, behandelt. Zehn Plätze gibt es in dem Haus. Im Schnitt, so Geschäftsführer Winfried Schäfer, bleiben die Menschen zwei Wochen; manche nur wenige Stunden, andere mehrere Monate. Die Seelsorger betreuen Gäste, Angehörige, aber auch Mitarbeiter. noe

 

 

Hospiz Emmaus

Am Hirschberg 1c
66606 St. Wendel
Telefon:06851 80009-0
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